Gelassenheit
Welches Bild kommt dir in den Sinn, wenn du an
Gelassenheit denkst?
Was bedeutet Gelassenheit für dich - und was wäre
wohl genau das Gegenteil davon?
Diese Fragen wird vermutlich jeder ein wenig anders
beantworten, doch wenn wir den typischen Alltags
ablauf betrachten, so wird er in der Regel eher das
Gegenteil von Gelassenheit repräsentieren.
Unser Tag ist angefüllt mit Pflichten, Anforderungen
die wir selbst und andere an uns stellen.
Wir versuchen ständig, alle möglichen Erwartungen
zu erfüllen, Ansprüchen gerecht zu werden, Ziele zu
erreichen, Probleme zu lösen. Unsere Gedanken sind
voll von dem, was noch getan werden muss oder auf
welche Art am besten. Dies alles dann noch mög-
lichst schnell, denn anschließend stehen bereits
viele weitere Aktivitäten auf dem Plan.




Wir leben nach der Uhr, wollen immer etwas erreichen, verbessern, verändern. Dabei fällen wir ständig innere
Urteile, bewerten uns und andere, die Umstände usw. Fällt die Bewertung nicht gut genug aus, erntet man
trotz aller Mühe oft auch noch (Selbst-)kritik oder ist unzufrieden mit der Situation. Das höchste Ziel, dem
alles entgegenzustreben scheint, ist der Perfektionismus.
Es muss gekämpft werden, es muss etwas getan werden, damit die Dinge noch perfekter werden! Wenn diese
Haltung in unserem Leben zu stark dominiert, führt dies zu körperlicher Anspannung, Stress, Erschöpfung, zu
physischen und psychischen Belastungen und letztlich auch Krankheiten.
Unser Autonomes Nervensystem besteht aus 2 Komponenten - einem aktivierenden (Sympathikus) und einem
entspannenden (Parasympathikus) Part, die sich gegenseitig ausbalancieren. Diesen Ausgleich zwischen Aktion
und Ruhe gilt es zuzulassen. Und damit haben wir auch schon wichtige Grundhaltungen von Gelassenheit:
Zu lassen
Los lassen
Fallen lassen
Sein lassen….
Sich selbst und die Dinge einfach einmal so sein zu lassen wie sie sind, wäre gelassen. Wahrnehmen, ohne
einzugreifen, vielleicht dabei aufmerksamer zu werden, mehr zu erkennen in diesen Augenblicken
ohne Anforderung. Vielleicht auch wieder zu sehen, wieviel Wertvolles bereits da ist, die Kleinigkeiten
wieder wahrzunehmen, die das Leben so beständig, aber oft unbeachtet bereichern. Die Momente des
So-Sein-Lassens, des Locker-Lassens sind auch Momente des Spürens der eigenen Befindlichkeit.
Wie geht es meinem Körper in diesem Augenblick? Was fühle ich?
Dadurch entsteht mehr Sensibilität für eigene Grenzen, für das, was einem gut tut oder nicht. Wenn
man zeitweise die Bewertungen los lässt, das Aktiv-Sein-Müssen fallen lässt, findet man nicht selten
einen Zustand von innerem Frieden, von Ausgeglichenheit. Die Umgebung wahrnehmen und so sein
lassen. Gedanken wahrnehmen, kommen und ziehen lassen. Nichts muss sein, aber alles darf.
Es ist klar, dass wir unser Leben nicht permanent in diesem Zustand verbringen können - aber wir
können immer wieder dahin zurück kehren, um die eigenen Energiereserven aufzuladen. Es geht um
das Gleichgewicht zwischen Aktivität und Ruhe. In dieser Balance ist dann auch wieder mehr Kraft
für die Aktivität vorhanden. In oder nach den Ruhephasen können Ideen auftauchen, die für Alltags-
probleme hilfreich sind. Letztlich könnte dies mehr bewirken als jede Aktion. Doch das darf nicht zur
Erwartung werden. In der Gelassenheit dürfen wir jede Absicht los lassen. Sie lässt alles so sein,
wie es sich zeigt.
Einerseits geht es also um Gelassenheit im Nicht-Tun. Andererseits können wir die Gelassenheit aber
auch in unser Tun einbringen, indem wir es mit mehr Ruhe vollbringen - langsamer geht es oft besser.
Wir kennen das alle: Wenn wir Aktivitäten hektisch, eilig ausführen, weil wir unter Zeitdruck sind,
passieren häufig Fehler oder Missgeschicke. Gelassenheit im Tun bedeutet, eine Handlung bewusst,
d.h. konzentriert sowie mit der notwendigen Ruhe auszuführen. Geduld mit sich selbst, mit anderen
Menschen zu haben, aber auch manchen Entwicklungen ihre Zeit lassen zu können, sind wichtige
Merkmale von Gelassenheit. Einige Entwicklungsprozesse brauchen einfach mehr Zeit als andere,
bis sie sich klarer darstellen bzw. eine Lösung gefunden werden kann.
Seien wir aufmerksam, geben wir den Dingen mehr Raum und Zeit. Falls etwas getan werden muss,
so tun wir es bewusst in ruhiger Konzentration. Dann kann Gelassenheit unser Leben leichter und
reicher machen.
Anschließend findest du ein paar Anregungen, wie du mehr Gelassenheit in deinen Alltag
einfließen lassen kannst.
1. So-Sein-Lassen: Versuche irgendwann während des Tages einmal innezuhalten und einfach alles so sein
zu lassen, wie es ist (einschließlich dir selbst). Sag dir innerlich: „In diesem Moment darf alles so sein,
wie es ist.“ - Dieser Moment kann dauern, so lange du es möchtest. 😘 🙃 😉 😊
Gelingt es dir noch nicht so leicht, stelle dir vor, wie alle Gedanken, Pflichten und Anforderungen in Form
von Lasten von deinen Schultern abfallen. Atme tief durch und lass sie purzeln und wenn es nur für eine
kleine Weile ist.
Nimm wahr, wie dein Körper reagiert.
2. Wenn du spürst, dass du gestresst oder erschöpft bist, schalte bewusst einen Gang zurück,
mach deine Arbeit ruhiger, langsamer, gönn dir Pausen. Auch kurze Pausen helfen schon.
Überhaupt darfst du deine Anforderungen, Pflichten usw. auch immer wieder in Frage stellen:
Muss ich das wirklich tun?
Muss das jetzt wirklich sofort sein?
Ist diese Sache wirklich so wichtig für mein Leben, dass sie meine Gesundheit strapazieren darf?
3. Gelassenheit im Tun: Nimm dir vor, eine Handlung am Tag (gerne auch mehrere) bewusst gelassen,
d.h. mit Geduld und ruhiger Konzentration auszuführen, z.B. das Geschirr abspülen, mit deinem Kind
Hausaufgaben machen, eine Email schreiben…
Übrigens: Gegen das Vergessen der Übungen helfen farbige, evtl. hübsch gestaltete Notizzettel
(„Mit bewusster Ruhe…“, „In diesem Moment darf alles so sein wie es ist.“), die an besonderen Stellen
angebracht werden, so dass dein Blick häufig darauf fällt - oder auch Signaltöne von deinem
Handy zur Erinnerung.
Literatur-Tipp:
Hohensee Thomas (2020). Gelassenheit beginnt im Kopf. Knaur MensSana, München.
